Mercedes
Über Geschmack läßt sich nicht streiten. Oder? Deutschlands Autoveredler jedenfalls wissen sich einig. “Wir liefern, was der Kunde wünscht”, behaupten allesamt – von Brabus bis Zender. Das riecht fast nach verbotener Absprache…
Doch scherze beiseite: Wir präsentieren hier Glanzstücke aus Blech, Kunststoff und Leder von vier der bekanntesten Nobel- Tuner. Sozusagen das Rohmaterial fürs jeweilige Kunstobejekt lifert Daimler- Benz in Form des Mercedes 190 E. Bestückt mit sinnvoller Zusatzausstattung, kostet der Wagen ab Werk rund 31000 Mark. Im Preis enthalten sind dabei Extras wie Servolekung, Wärmedämmglas, Drehzahlmesser und Zentralverriegelung. Von Luxus also kaum eine Spur. Sicherheitszubehör wie zum Beispiel der Airbag für rund 2000 Mark oder das Anti- Blockier- Bremssystem (ABS) für 2 800 Mark reißt weitere Löcher in die Brieftasche. Mercedes- Tunern kommt nicht nur diese Aufpreispolitik sehr entgegen, sondern auch die nüchterne Innenraum- Atosphäre, die 190er Käufer erwartet.
“Der kleine Daimler ist für uns eine Goldgrube”, freut sich Bodo Buschmann, 28, von der Brabus Autosport GmbH in Bottrop. Pingelig wie Schönheits- Chirurgen gehen seine Mannen dem kleinen Mercedes ans Fell. Das Armaturenbrett ist eines ihrer speziellen Operationsfelder. In mehrtägiger Arbeit mit Nadeln, Faden, Feinstichsäge, bestem Conolly- Leder und ausgesuchten Edelholz- Furnieren liften sie das Zweckgebilde zu einem Edel- Cockpit mit Super- Stereosound dieses Mercedes Tuning. Selbst die Mittelkonsole glänzt danach im Leder- Look, nicht zu vergessen der Schaltknauf im Leder- Maßanzug. Bei der Außenhaut setzt die Brabus- Truppe dagegen auf Kunststoff, Leichtmetall und ausgesuchte Farbtöne. Die erste Detailmodifikation gilt freilich dem Fahrwerk. Der Brabus- Daimler steht geduckt auf dem Asphalt. Breite 7- Zoll- Leichtmetallfelgen füllen mit 205/50- Pneus die Radkästen satt aus. Der Geradeauslauf nimmt dank einer geänderten Vorderachsgeometrie durch diese Maßnahme kaum Schaden. Unter der Motorhaube bleibt bei Brabus vorerst alles beim alten. Der 122- PS- Einspritzmotor kann allerdings die Potenz des Fahrwerks nicht nutzen. Ein 150- PS- Aggregat mit 2,0 Liter Hubraum befindet sich aber in Vorbereitung. Erst in dieser Version wird das Auto des Mercedes Tuner dann wohl auch in puncto Fahrleistungen seinem seinem sportlichen Habitus gerecht. Bis dahin muß der Edle aus dem Kohlenpott noch mit dem Makel eines Boulevard- Renners Leben.
Lorinser- 190 E. Lorinser- Kunden haben die gleichen Probleme. Die Schwaben aus Waiblingen belassen den Zwei- Liter- Motor des 190 E nämlich ebenfalls im Serienzustand. Doch der Chef des Hauses, Manfred Lorinser, 48, verspricht Abhilfe: “Unser 2,4 Liter- Triebwerk absolviert gerade die letzten Prüfstandsläufe. Ab sofort bieten wir unseren Kunden aber eine zahmere Version mit etwa 135 PS für unter 01000 Mark an.” Aus diesem Wortlaut heraus sehen wir schon, es handelt sich um einen Mercedes Youngtimer.
Mit dem aufgebohrten Motor hätte dann auch der Sportfahrwerkssatz mit achtzölligen Felgen an der Hinterachse zumindest technisch seine Berechtigung. Bislang muß der Aufwand, der Heckkotflügelverbreiterungen aus getriebenem Blech erfordert, fraglich erscheinen. Zumal das Fahrverhalten in der jetzigen Abstimmung mehr Nach- als Vorteile mit sich bringt. So bleibt vom tadellosen Gerdeauslauf des Serien- Modells nicht mehr viel übrig. Auch der Federungskomfort läßt auf kurzem wie langen Bodenwellen diverse Wünsche offen. Der zweifellos vorhandene Zugewinn an Sicherheitsreserven im Kurvengrenzbereich kann da nur als schwacher Trost für Fahrer des Bulligen aus dem Schwabenland gelten. Eine bessere Lösung, weil billigere, bietet Sportservice Lorinser in Form eines dezent modifizierten 190 E- Ablegers. Die Kennzeichen der Mercedes Tuner : Frontspoiler, Seitenschweller und Heckschürze. Der Wagen steht auf Leichtmetallfelgen mit 16 Zoll Durchmesser und 205/ 55- Reifen.
Zender- 190 E. Die 16- Zöller sind eine Dimension, die Zender in Koblenz für den Mercedes 190 nicht offeriert. Dazu Hans Albert Zender, 37: “Ich halte 15- Zoll- Felgen angesichts der Fahrleistungen für vollkommen ausreichend. Darum bieten wir lediglich eine Sportfelge im eigenen Design in sieben Zoll Breite an.” Die Fahrwerksabstimmung des Testwagens hatten die Koblenzer, die mit Koni zusammenarbeiten, noch nicht ganz im Griff: ” Wir befinden uns beim 190er noch im Vorserienstadium.”
In gewohnt blitzsauberem Zender- Finish putzten die Kunststoff- Künstler vom Rhein ihre Pretiose äußerlich heraus. Die Oberflächenqualität ihrer Kunststoff- Anbauteile läßt sich mit der Güte des 190- Blechkleids durchaus vergleichen. Frontspoiler und Heckabschluß bilden eine harmonische Einheit mit dem ursprünglichen Mercedes- Gewand. Lediglich die aufgesetzten Kotflügelverbreiterungen und der auslndende Heckflügel stören die fließenden Konturen, ja sie verleihen dem Zender- Mercedes mehr als nur einen Hauch Aggressivität. Eine tolle Arbeit des Mercedes Tuner.
Ganz anders der Innenraum. Hier greift Zender beim Mercedes Tuning tief auf jeden Quadratzentimeter allen nur erdenklichen Luxus. Leder, hochwertige Veloursstoffe, soweit das Auge reicht. Selbst auf der Rückbank können Mitfahrer in bequemen Einzelsesseln natürlich mit Heizung, elektrischer Verstellung und eigener Stereoanlage mit Kopfhörern jeden Kilometer genießen. Insgesamt betrachtet, leisten die Tuner durchweg erstaunlich gute Arbeit, ein jeder auf seine Weise. Zumindest was das Erscheinungsbild ihrer Kunstwerke anbetrifft. Auf dem Fahrerwerk- und Motorensektor bleibt indes noch einiges zu tun, allerdings wäre hier weniger manchmal mehr (allzu breite Reifen zum Beispiel mag der 190 nicht). Doch da wird Daimler- Benz in Stuttgart demnächst mit dem neuen 16- Ventiler- Modell die Maßstäbe setzen. Ob dessen Optik sämtliche Kundenwünsche erfüllt, sei vorerst dahingestellt. Doch über Geschmack läßt sich nicht streiten. Oder?
Artikel von: J. Klostermann v. wupdes.de
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